Nachtarbeit

Rund 30% der Beschäftigten arbeitet nachts, davon 40% regelmäßig. Nachtarbeit hat einen direkten Einfluss auf die Sicherheit und Gesundheit: Das Unfallrisiko bei Nachtarbeitern ist erhöht – und es steigt mit jeder Nachtschicht noch an. Zudem gibt es einen deutlichen Einfluss auf die Gesundheit der Beschäftigten.

Dies verwundert nicht, arbeitet man – im Gegensatz zu den genannten Arbeitszeitmodellen – bei der Nachtarbeit doch gegen die "innere Uhr". In der Nachtarbeit wird in der biologischen Ruhezeit des Körpers gearbeitet und in der biologischen Aktivitätsphase geschlafen. Der Körper versucht nun in jeder Nachtschicht, sich dem veränderten Zeitrhythmus anzupassen.

Eine vollständige Anpassung des Körpers an Nachtarbeit ist jedoch nicht möglich, weil wichtige Zeitgeber wie Tageslicht oder sozialer Rhythmus in ihrer ursprünglichen Lage verbleiben und mit neuen Zeitgebern konkurrieren. Aber: Eine teilweise Anpassung ist möglich. Zum Beispiel bei der Körpertemperatur: Üblicherweise schwankt diese über den Tag und ist am frühen Abend am höchsten. So ist dies auch in der ersten Nachtschicht. Danach flacht dieser Anstieg immer mehr ab. Nach einer Woche Nachtschicht gibt es keinerlei Schwankungen der Körpertemperatur über den Tag mehr – es fand eine teilweise Anpassung an den neuen Rhythmus statt – aber eben nur teilweise

Auch wenn keine vollständige Anpassung an Nachtarbeit erfolgt, ist beim Wechsel in die Tagarbeit eine Rückanpassung des Körpers nötig. Diese erfolgt in der Regel doppelt so schnell wie die Anpassung an die Nachtarbeit. Eine vollständige Rückanpassung zur Tagarbeit kann bis zu vier Tage dauern.

Da die Anpassung verschiedener Körperfunktionen an die Nachtarbeit unterschiedlich schnell verläuft, kommt es zur De-Synchronisation der Körperfunktionen. Typisch für Nachtarbeiter sind daher Störungen zirkadianperiodisch gesteuerter Funktionen wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Magenbeschwerden, innere Unruhe, Nervosität oder vorzeitige Ermüdbarkeit. Festgestellt wurden auch Zusammenhänge zwischen Nachtschichten und einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes. Der Verdacht eines Zusammenhangs zwischen einem gestörten biologischen Rhythmus und Tumorerkrankungen wird aktuell noch wissenschaftlich abgeklärt.

Ebenso wichtig wie die biologischen Belastungen sind bei der Nachtarbeit die sozialen. Die  verschiedenen Zeiten der Woche sind für die Freizeit unterschiedlich stark nutzbar. Die Abendstunden sind immer hoch bewertet und stehen in Konkurrenz zur Nachtarbeit, da die Schichten plus Fahrzeiten genau in den nutzbaren Zeiten liegen. Nacht- und Spätschichten erschweren somit die Teilhabe am gesellschaftlichen, sozialen und familiären Leben. Dies gilt insbesondere dann, wenn noch eine geringe Planungssicherheit hinzu kommt: So bringt die Kombination aus Schichtarbeit, hoher Variabilität und geringem Einfluss der Beschäftigten auf die Planung die größten Schwierigkeiten für das soziale Leben mit sich.

Handlungsmöglichkeiten:
Das können Sie konkret tun

Möchte man die Folgen von Nachtarbeit reduzieren, gibt es von Seiten der Arbeitswissenschaften drei Ziele:

  • Biologische Desynchronisation soll möglichst vermieden werden (keine umfassende Anpassung)
  • es gilt die Folgen der Anpassungsversuche zu mindern und
  • den Betroffenen die Teilhabe am sozialen Leben möglichst gut zu ermöglichen.

So soll die Anzahl der aufeinander folgenden Nachtschichten auf maximal drei begrenzt werden, um eine Anpassung zu verhindern. Gleiches gilt für eine schnelle Rotation von Früh- und Spätschichten. Als besser verträglich erwies sich zudem ein Vorwärtswechsel der Schichten (Früh- / Spät- / Nachtschichten).

Ein Interessenkonflikt gibt es beim Ende der Nachtschicht: Um Symptome der Nachtschicht auch bei den Beschäftigten der Frühschicht zu verhindern (Anfahrt berücksichtigen), sollte diese möglichst spät beginnen. Gleichzeitig ist für die Nachtschichtarbeiter ein frühes Ende der Schicht hilfreich, da sie dann besser einschlafen können.

Nachtschichten sollten nicht zu lange Arbeitszeiten aufweisen: Schichten mit über 8 Stunden Dauer sollten nur dann eingesetzt werden, wenn die Arbeitsplätze dafür geeignet sind und genügend Pausen eingelegt werden können.

Dass viele Schichtsysteme mit Nachtschichten trotzdem nicht arbeitswissenschaftlichen Empfehlungen entsprechen, liegt nicht nur an den Arbeitgebern, sondern auch an den Beschäftigten selbst. Diese haben die Tendenz, möglichst viel Arbeitszeit hintereinander abzuleisten, um dann einen möglichst großen Freizeitblock zu erhalten. Die Gründe hierfür sind vielfältig und reichen von einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie über eine Gewöhnung an diesen Rhythmus (in Schichtzeit Sozialleben auf Minimum, danach sehr ausführlich) bis zu einer Gewöhnung an Nachtschichten als Nische ohne die Notwendigkeit größerer Kommunikation. Es sollte aber auch von den Beschäftigten gut abgewogen werden, ob diese kurzfristigen Vorteile die aufgezeigten gesundheitlichen Risiken wirklich aufwiegen.

Rechtlicher Rahmen

Gemäß § 6, Abs. 3 des Arbeitszeitgesetzes sind Nachtarbeitnehmer berechtigt, sich vor Beginn der Beschäftigung und danach in regelmäßigen Zeitabständen von nicht weniger als drei Jahren arbeitsmedizinisch untersuchen zu lassen. Nach Vollendung des 50. Lebensjahres steht Nachtarbeitnehmern dieses Recht in Zeitabständen von einem Jahr zu. Die Kosten der Untersuchungen trägt der Arbeitgeber, sofern er die Untersuchungen den Nachtarbeitnehmern nicht kostenlos durch einen Betriebsarzt oder einen überbetrieblichen Dienst von Betriebsärzten anbietet.

Nach § 6 Abs. 4 muss der Arbeitgeber den Beschäftigten dann auf einen Tagarbeitsplatz umsetzen, wenn die Untersuchung arbeitsmedizinische Bedenken erbringt.

Die "innere Uhr"

Die meisten der Körperfunktionen des Menschen laufen in einem tagesperiodischen Wechsel ab. Am auffälligsten ist der natürliche Rhythmus des Körpers im Tag-Nacht-Wechsel. Der Aktivität am Tag steht die Ruhe in der Nacht gegenüber. Der Tag-Nacht-Wechsel ist auch der wichtigste externe Taktgeber. Er ist aber nicht der einzige: Auch die sozialen Kontakte, die Außentemperatur, die Mahlzeiten oder etwa das Bewusstsein der Uhrzeit helfen bei der Synchronisation.

Aufbauend auf den Tag-Nacht-Wechsel kann man eine Tagesrhythmuskurve für die meisten Körperfunktionen erstellen – insbesondere für die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit. Der generelle Verlauf der Tagesrhythmuskurve der Leistungsbereitschaft des Körpers ist bei allen Menschen fast identisch, zeitlich teilweise aber versetzt: Jeder kennt die Morgentypen und die Abendtypen, deren Rhythmik (wohl erblich bedingt) um einige Stunden voneinander abweicht. In der typischen Tagesthythmuskurve folgt nach dem Leistungstief gegen 3 Uhr nachts ein steiler Anstieg mit einem "Hoch" gegen 10 Uhr vormittags. Von dort fällt der Wert über die Mittagszeit ab und dann wieder bis zum zweiten Tagesgipfel am frühen Abend wieder an. Ab dann fällt die Kurve steil zur Nachtruhe ab. Von der zirkadianen Rhythmik sind fast alle Körperfunktionen betroffen, z.B. Körpertemperatur, Atmung, Verdauung, Herztätigkeit und Muskulatur. Somit unterscheidet sich die Leistungsfähigkeit deutlich zwischen Tag-, Spät- und Nachtschicht.